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Mittelwelle – nur etwas für Enthusiasten??
von Friedhelm Wittlieb
Grundsätzliches
Mancher Kurzwellenhörer stellt sich die oben genannte Frage, beim Lesen der MW-Logs. Oftmals steht der Hörer ratlos dem Thema gegenüber und wenn einmal die MW gestreift wird, bedauert er ausbleibende Erfolge mit der Begründung, dass nicht die richtige Ausrüstung zur Verfügung steht oder nicht die Möglichkeit vorhanden ist, bis in die tiefe Nacht hinein den Frequenzen zu lauschen. Ich hoffe, dass mit diesen Ausführungen etwas Licht ins Dunkel des MW-DXing gebracht wird.
Dieser „Leitfaden“ beschäftigt den Stationen, die auf MW senden, sagt etwas über Ausrüstung, die Chance eine QSL zu erhalten und die Funktionsweise der MW.
Die MW erschließt noch so manche Möglichkeit, obwohl die meisten Sender auf der Kurzwelle zuhause sind. Dennoch gibt es einige Länder (vorwiegend Inselnationen) die über keine Kurzwellensender Verfügung und die Landesversorgung über die MW sicherstellen. Und das macht schon mal einen Reiz des MW-Dxing aus, über lokale Ereignisse informiert zu werden.
Was ist die Mittelwelle
Physikalisch gesehen wird als Mittelwelle der Frequenzbereich zwischen 300 und 3.000 kHz, entsprechend 1.000 bis 100 m, bezeichnet. Das Mittelwellenrundfunkband umfasst die Frequenzen 531 kHz bis 1.611 kHz. In Amerika wurde weitere Frequenzen im sog. X-Band bis 1.710 kHz vergeben. Unterhalb von 531 kHz, also im Zwischenbereich zur Langwelle, sind häufig Leuchtfeuer (Beacons) angesiedelt (s.u.).
Das MW-Band ist in Kanäle eingeteilt. Das bedeutet: jede einer Station zugeteilte Frequenz liegt 9 kHz von der Nachbarfrequenz entfernt. In Amerika beträgt dieses Frequenzraster 10 kHz. Bei der Vielzahl der Mittelwellensender sind die Frequenzen häufig mehrfach belegt. Tagsüber bereitet dies, aufgrund der begrenzten Ausbreitung, kaum Probleme.
Mit Eintritt der Dunkelheit verändert sich die Situation aber gravierend. Um gegenseitige Störungen geringer zu halten, verringern manche Stationen des nachts ihre Sendeleistung. Dennoch hört man oftmals auf den Frequenzen einen „Sprachensalat“.
Nachteil der MW ist die Störungsanfälligkeit. Alle möglichen, in Betrieb befindlichen Elektrogeräte und –leitungen hört man als Brummen, Prasseln oder Zischen im Kopfhörer. Auch Wetterstörungen machen sich durchaus bemerkbar (z. B. Gewitter).
Ausbreitung der Mittelwelle
An dieser Stelle nur ein paar grundsätzliche Informationen.
Die MW pflanzt sich auf zwei Wegen fort: zum einen über die Erdoberfläche als Bodenwelle, andererseits als Raumwelle, wie die KW.
Die Bodenwelle reicht um so weiter, je niedriger die Frequenz ist, in der Regel aber nicht mehr als 500 km. Diese Ausbreitungsbedingung herrscht tagsüber vor. Somit kann der Hörer in Normalfall tagsüber nur Ortssender hören. Aber die MW kann noch mehr.
Die Raumwelle kann wie die KW durch die Ionosphäre reflektiert und dadurch in weitere Entfernungen getragen werden. Am Tage werden die Wellen von der sog. D-Schicht (unterste Schicht der Ionosphäre) absorbiert. Diese löst sich in der Dunkelheit, wie die E-Schicht (nächsthöhere) auf. Übrig bleibt die F-Schicht, an der eine Reflexion und damit der Transport der Wellen über weite Strecken möglich ist.
Lösung eines „Wunders“: MW-Fernempfang ist also dann möglich, wenn auf der Strecke zwischen Sender und Empfänger (also zwischen den sog. Reflexionspunkten) Dunkelheit herrscht. Stationen östlich des eigenen Standortes sind abends besser zu empfangen, wenn die Stationen aus Westen noch nicht hörbar sind - und soweit die Frequenz frei ist.Umgekehrt gilt, dass Stationen westlich des eigenen Standortes morgens besser zu empfangen sind. Ist zwar logisch, aber es ist in der Praxis so, dass diese für den MW-Fernempfang wichtige Regeln nicht immer beachtet wird.
Widerspruch einer weit verbreiteten Meinung: Wer diesem Prinzip Beachtung schenkt, wird nicht nur in den Wintermonaten (langläufig die Hauptzeit der MW genannt) Fernempfang tätigen.
Empfänger und Antennen
Zum Thema Empfänger: Taucht die Frage nach einem mittelwellenfähigen Radio auf, berichten Hobbyfreunde begeistert von ihren alten „Dampfradios“, den Röhrenempfängern. Nun, das mag darin begründet sein, dass diese Geräte in Richtung MW orientiert waren, da dies damals ein interessanter Empfangsbereich war. Jeder der so ein Gerät besitzt, sollte es hegen und pflegen !!
Heute werden keine speziellen MW-Empfänger gebaut. Die Weltempfänger sind meist auf Kurzwelle ausgerichtet, normale Empfänger sind zur UKW ausgerichtet. Dennoch gilt damals wie heute die Maxime: MW-Dxing ist mit jedem Mittelteil möglich. Man wird erstaunt sein, welche europäische Sendevielfalt zu hören ist.
Um über den „Teich“ zuschauen, benötigt der Dxer einen trennscharfen Empfänger, da die amerikanischen Stationen ja im 10 kHz Raster senden. Oftmals liegen europäische und amerikanische Stationen hart nebeneinander (z.B. Europa 1503 kHz, Amerika 1500 kHz). Weiterhin sollte der Empfänger über eine gewisse Frequenzstabilität verfügen. Warum ?
Solange der Dxer vor dem Empfänger sitzt und regulierend eingreifen kann, ist dies kein Problem. Aber viele attraktive Empfänge (z. B. Indien, Nord- und Südamerika, Karibik) werden nachts getätigt. Und viele MW-Dxer bedienen sich dabei eines technischen Hilfsmittels – einem Aufzeichnungsgerät. Antenne und Empfänger werden abgestimmt, Aufzeichnungsgerät einschalten und schlafen gehen. Morgens nach dem Aufstehen abhören, was die Nacht so brachte. Ein Empfänger ohne Frequenzstabilität wurde über Nacht „weglaufen“.
Eine Auflistung geeigneter Empfänger erspare ich an dieser Stelle, denn ich vermag nicht zu entscheiden, was ein geeigneter Empfänger ist.
Das Thema Antenne: Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten von Langdraht, Beverage-Antenne, Ferritantenne, Rahmenantenne, Aktivantenne ist alles vorhanden, was das Herz eines Käufers oder Bastlers erfreut.
Die Antenne ist sicherlich den räumlichen Verhältnissen und der Lage anzupassen und natürlich der Ausstattung an Empfängern. Ich selbst benutzte die eingebaute Ferritantenne meines Grundig Satellit 700 oder eine Martens-Rahmenantenne.
Wer sendet auf der Mittelwelle
Die MW ist ein internationales Rundfunkband, dementsprechend groß ist die Anzahl der dort vertretenen Stationen. Das ergibt sich schon zwangläufig durch die Rastereinteilung (s. o.). So sind allein in Nordamerika rund 5.300 Stationen auf 106 Kanälen vertreten. Hier ein Grobraster:
- Internationale Rundfunkstationen: Diese sende meist aus Europa oder Südostasien. Ziel dieser Stationen ist es, Hörer über die Landesgrenzen zu informieren. Diese Auslandsdienste senden meist parallel zur Kurzwelle. Beispiele hierfür sind die Programme der BBC, der Stimme Russlands, Radio Vatikan und TWR.
- Regionale Rundfunksender: In Europa werden größere MW-Sender ebenfalls zur Regionalversorgung eingesetzt. Beispiele sind hierfür die BBC Stationen Radio Schottland, Wales, Northern Irland, der belgische und holländische Rundfunk und die Inlandsprogramme von Radio France. Ein schönes Beispiel jenseits des Teiches sind die nordamerikanischen Stationen. Mit 50 kW hatten diese sogenannten Clear Channel Stations das außergewöhnliche Privileg hatten, einen MW-Kanal praktisch für sich zu belegen. So sollte die Inlandversorgung in Nordamerika sichergestellt werden. Obwohl de facto noch vorhanden, wird dieses Privileg kaum noch genutzt.
- Sendeketten (Netzwerke): In den Nachtstunden werden häufig über solche Sendeketten landesweite Rundfunkprogramme ausgestrahlt. Damit ist es nicht mehr möglich, den einzelnen Sender zu identifizieren. So übertragen die BBC Lokalstationen meist ab 23 UTC bis 5 UTC das Programm von BBC Radio 5 Live, der Informations- und Sportsender oder von BBC 2. Aber auch in Spanien gibt es solche Sendekette mit COPE Radio und SER Radio.
- Lokalsender: Dies sind Stationen, die mit geringer Sendeleistung nur einen eng begrenzten Raum mit Informationen versorgen. In Europa sind es z. B. die BBC Lokalstationen, die britischen Privatsender, Stationen vom Balkan und dem übrigen Osteuropa. Aber auch zahlreiche Stationen aus Übersee gehören zu dieser Rubrik und sind aufgrund der Ausbreitungsbedingungen der MW auch hier zu hören.
- Beacons (Leuchtfeuer): Überraschend groß ist die Anzahl der Leuchtfeuer, die im MW-Band operiert. Rund 100 sind bekannt, der größte Teil auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Leuchtfeuer dienen der Orientierung im Schiff- und Flugverkehr. Wer einmal ein Leuchtfeuer hören will, sollt sich vorab mit den Morsezeichen beschäftigen.Clandestines, Piraten, Jammers:
- Untergrundsender senden Propaganda der Opposition gegen herrschende Regierungen und können daher oftmals nicht öffentliche in Erscheinung treten. Auf der MW senden hauptsächlich die Stationen aus dem Nahen Osten, wie z. B. The Voice of Iraqui Kurdistan. Piraten waren und sind immer wieder auf der MW zu hören. Die heutige Piratenszene hat aber m. E. nicht mehr das Format der konventionellen Piraten der 60iger und 70iger, wie Radio Nordsee International, Radio Caroline, oder „The Voice of Peace“, die mit ihrem Schiff im Mittelmeer (vor der Küste Israel) operierte. Jammers (Störsender) sollen insbesondere unbeliebte Sendungen, insbesondere Clandestines, beeinträchtigen. Auf der MW war dies besondern in den 80iger Jahre auffällig oft. Heute wird teilweise versucht, Stationen aus dem Nahen Osten oder Asien gezielt zu stören.
Quellen: Archiv MWAKI (F. Wittlieb), Radio-Hören, Radio-Kurier, MWC UK
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